„Es gibt immer irgendwo ein Licht“
- Jörg Spanjer

- vor 10 Stunden
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Weit über 20 Jahre Unternehmenszugehörigkeit verlassen die IFI - und das gleich zweimal

Über 25 Jahre Jugendhilfe lassen sich nicht in Zahlen oder Projekten messen, sondern in Beziehungen und Erinnerungen, die bleiben. Lydia Salmaier und Petra Westermann-Stevens haben die IFI gGmbH über viele Jahre geprägt. Mit Haltung, Klarheit, Wärme und einem tiefen Respekt gegenüber den Menschen, die dort ein Zuhause auf Zeit gefunden haben. Lydia in der Jugendwohngemeinschaft Aurich, Petra als langjährige Leiterin der Mutter-/Vater-Kind-Betreuung MukiNüst Emden.
Mit ihrem Abschied nach über 20-jähriger Unternehmenszugehörigkeit geht eine Ära zu Ende. Doch das, was sie aufgebaut und weitergegeben haben, bleibt. Wir danken Lydia und Petra von Herzen für ihr Engagement, ihre Verlässlichkeit und ihre Menschlichkeit und wünschen ihnen für den neuen Lebensabschnitt Zeit, Ruhe und viel Neugier auf neue Dinge.
Mit Lydia Salmaier haben wir anlässlich ihrer Verabschiedung im Dezember gesprochen.
Liebe Lydia, nach über 25 Jahren hast du Ende Dezember die IFI verlassen und somit auch die Jugendwohngemeinschaft Aurich. Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf?
Für die Gruppe ist es gut, dass mit Meike Meurer die neue Leitung aus dem Team kommt. Das gibt ihr und dem Team Sicherheit und Stabilität. Die Kinder und Jugendlichen sind gut aufgehoben und das ist das Wichtigste.
Für den Abschied in der Gruppe hatte ich Kuchen mitgebracht und wir saßen zusammen und haben uns über meinen Weggang unterhalten. Es ist manchen schwergefallen, besonders denen, die bei der Aufnahme noch sehr jung waren. Die Älteren sagen: Wir gehen ja auch. Für sie ist es ein guter Abschluss.
Ich denke viel über Situationen nach, wie einige Kinder und Jugendliche zu uns gekommen sind. Da ist zum Beispiel der Kennenlerntermin mit einem kleinen Mädchen und dem zuständigen Jugendamt. Es war so klein und trug ein geblümtes Kleid. Bei der Verabschiedung nach dem Gespräch sagte das Mädchen: Bitte, bitte, Lydia, nimm mich auf! Jetzt, einige Jahre später, haben wir über die Situation herzhaft gelacht. Das Mädchen stand neben mir und sagte: Lydia, jetzt bin ich schon größer als du.
Welche Momente würdest du für dich als besonders bezeichnen?
Für mich war jeder Tag besonders. Ich bin immer gerne in den Dienst gegangen. Das hat sich bis zum letzten Tag nicht geändert. Immer wenn ich aus dem Auto gestiegen bin, wusste ich nicht, was hinter der Tür auf mich wartet. Das hat mich fasziniert und neugierig gemacht, egal was da drinnen los war.
Ich habe ein Bild im Büro an meinem Schreibtisch. Das hat eine Jugendliche für mich gemalt, die eine Zeit hatte, in der es ihr sehr schlecht ging. Sie ist künstlerisch sehr begabt. Sie kann zeichnen und hat unglaublich viel Fantasie. Und durch ihre Bilder hat sie vieles verarbeitet. Ich habe mal ein Gespräch mit ihr geführt, ob es denn gar kein Licht bei ihr gibt. Sie hat sehr wenig geredet und selten den Kontakt zu mir oder den anderen Betreuungskräften gesucht. Und dann ist sie ins Büro gekommen und hat mir dieses Bild auf den Tisch gelegt. Auf dem Bild sind Bäume, ein Fluss und eine Brücke zu sehen. Das Bild ist insgesamt sehr dunkel, hat aber ein ganz bisschen Licht in der oberen Ecke. Das habe ich eingerahmt und aufgehängt. Es hing die ganzen Jahre neben meinem Schreibtisch. Wir standen oft da und haben darüber gesprochen.
Das Bild ist eine Metapher für Jugendhilfe an sich. Es gibt immer irgendwo ein Licht, auch wenn es erstmal dunkel wirkt.
Wofür bist du besonders dankbar?
Ich habe einen großen Teil meines Lebens bei der IFI verbracht und ich bin unendlich dankbar für diese Zeit. Das war für mich nie nur Arbeit. Für mich war es nie entscheidend, ob ich Urlaub hatte oder nicht. Wenn ich zum Beispiel am Projekttag teilnehmen wollte, bin ich hingegangen. Weil ich mich dort wohlgefühlt habe und weil es ein Ort war, an dem ich gerne Zeit verbracht habe.
Besonders wertvoll war für mich die Möglichkeit, mich selbst einzubringen und Verantwortung zu übernehmen, verbunden mit einem großen Maß an Freiraum. Das war für mich nie selbstverständlich. Diese Freiheit, dieses Vertrauen und diese Art des Miteinanders empfinde ich bis heute als ein großes Geschenk.
Würdest du rückblickend etwas anders machen?
Nein. Weil ich alles, was ich gemacht habe, immer für die Menschen gemacht habe. Ich habe eine bestimmte Haltung, ich habe eine bestimmte Wertschätzung dem Menschen gegenüber. Und ich habe immer versucht, das Beste zu machen. Ich bin, wie ich bin. Ich würde vielleicht heute eine Entscheidung treffen, ohne davor drei Nächte nicht zu schlafen und zu überlegen. Aber gemacht hätte ich es trotzdem. Weil das, was jetzt da ist, gut ist.
Gibt es etwas, das du jetzt neuen, unerfahreneren Leitungskräften mit auf den Weg geben würdest?
Was gibt man Menschen mit? An erster Stelle würde ich sagen: Nehmt euch Zeit anzukommen. Dann: Setzt euch mit eurem Konzept, den Werten und der Einrichtung auseinander. Von außen werden immer viele Aufgaben und Anregungen an euch herangetragen, die sind sehr wichtig - aber die haben meistens noch ein bisschen Zeit.
Das Wichtigste ist: Im Mittelpunkt müssen die Kinder, Jugendlichen und das Team stehen. Dann weiß man, was zu tun ist.
Was hältst du in der täglichen Betreuungsarbeit für besonders wichtig?
Sich sehr gut reflektieren, eigene Grenzen kennen und gut auf sich achten. Authentisch bleiben, offen für Kritik und neue Ideen sein, um einen eigenen Stil zu entwickeln. Sich Zeit geben und Unterstützung holen. Niemand kann und weiß sofort alles. Es ist kein Zeichen von Schwäche, zu sagen: Ich muss mich erst informieren. Wichtig ist nur, dass man trotzdem eine Verlässlichkeit ausstrahlt. Das baut Brücken und Vertrauen auf.
Was war das schönste Kompliment, das dir bezüglich deiner Arbeit gemacht wurde?
Das schönste Kompliment kam überraschend - von einer Person, die im Jugendamt arbeitet und der JWG Aurich eigentlich immer sehr kritisch gegenüberstand. Sie sagte eines Tages zu mir: Die JWG Aurich hat ein aufgeräumtes Haus und klare Strukturen. Wenn man eine dauerhafte Unterbringung, ein Zuhause für ein Kind braucht, muss man es in der JWG Aurich unterbringen.
Das war damals ein großes Kompliment für mich, aber das ist auch genau das, was ehemalige Jugendliche immer wieder zurückmelden. Sie kommen ja oft zu uns, nicht weil sie es wollen, sondern weil sie in der Regel keine andere Möglichkeit haben. Die dann aber nach so langer Zeit trotzdem sagen, dass es sehr schöne Jahre waren. Das macht mich stolz.

