Jugendliche und Neue Medien

DasDas Ich im Daten-Netz

Das Medium Internet ist mittlerweile für die meisten Menschen ein fester Bestandteil des Lebens geworden. Da bleibt es nicht aus, dass es prägende Einflüsse auf uns hat. Die Verfügbarkeit des Mediums und von Informationen wie auch die verschiedenen Kontaktformen beeinflussen unsere Identitätsentwicklung. Experten sprechen bereits vom „Digitalen Ich“. Was es damit auf sich hat, erläutert Julia Köster.

Das Internet hat primär eine indvidualisierende Wirkung: Der Nutzer sitzt im Prinzip erstmal alleine vor dem PC, Tablet oder Smartphone und sucht sich ganz allein seine Inhalte aus. Es ist allerdings auch Raum für gemeinsame Beschäftigung, beispielsweise in Form von gemeinschaftlichen Chats, Online-Spielen, die sogar live über Sprach-Chats verbunden sein können, oder auch in der Form, dass Freunde nebeneinander sitzend jeder auf seinem eigenen Smartphone die gleichen Inhalte betrachten.

Im einen Extrem kann es also zu einer Singularisierung kommen: Ich rezipiere die Inhalte, die mich interessieren, ich diskutiere nicht einmal darüber – weder online noch offline. Dabei schaffe ich mir meine ganz eigene Mischung dessen, was ich rezipiere: Wie wäre es heute mit 33 Prozent lustigen Katzenvideos, zwölf Prozent Wikipedia-Artikel lesen, sieben Prozent Musik hören, 40 Prozent Video-Streaming und die restlichen Prozente verteile ich situativ auf Facebook, Songtexte-Raussuchen und Mails schreiben?

Das kann morgen schon wieder ganz anders sein. Dabei fällt die Komponente der gemeinsam geschaffenen Erfahrung als (auch biografischer) Orientierungspunkt unter den Tisch. Es fehlt das „weißt du noch, als wir …“, es gibt nur noch das innerliche „neulich habe ich…“. Damit fehlt mir aber auch ein Anknüpfungspunkt für den Kontakt mit anderen Menschen.

Auf der anderen Seite kann ich mich in Diskussionen verrennen, bin vielleicht nicht mehr fähig, einen Schritt zu machen ohne Handy am Ohr oder WhatsApp geöffnet zu haben, oder es zieht mich in jeder freien Minute in die Online-Erfahrungswelt, wo ich gemeinsam mit anderen Personen spielerische Heldentaten vollbringe.

Im Internet gibt es kein „Ende“; die natürlichen Grenzen des Mediums sind das Funkloch und der Stromausfall. Auch ein Endpunkt ist aber ein wichtiger Orientierungspunkt, der somit nicht gegeben ist. Wer noch nicht genug Selbstbeherrschung gelernt hat oder seine Prioritäten zu setzen weiß, wird schnell von der Vielfalt der Möglichkeiten verschluckt, und dies kann mit Anforderungen aus dem Offline-Leben (Schule, Arbeit, Familie etc.) kollidieren.                  

                                                  

Die Konstruktion einer stabilen Identität stellte schon immer eine Herausforderung dar. Früher gaben Glaube, Politik oder die Familie einen verlässlichen Orientierungsrahmen vor, in dem Menschen ihre Identität bilden konnten. Viele dieser Faktoren haben jedoch mittlerweile an Bedeutung verloren, was die Identitätsfindung erschwert; sie kann oft „nur“ noch im Rahmen von Alltagserfahrungen stattfinden, insbesondere im Austausch mit der Peer Group. Denn, so schildert es auch die soziologische und philosophische Theorie, das direkte Gespräch ist weiterhin der wichtigste Motor für die Ausprägung von sozialer Orientierung, Gruppenbewusstsein und Werten. Nun verlagert sich die Kommunikation zwischen den Menschen aber immer mehr auf die Neuen Medien; dies verändert die Kommunikation und damit auch, wie sie die Identitätsbildung beeinflusst.

Das erklärt übrigens auch gewisse Denk-Unterschiede zwischen den heute Erwachsenen, die in traditionellen Orientierungsrahmen zu ihrer Identität fanden, und den heute Jugendlichen, die vor Herausforderungen in der Identitätsbildung gestellt sind: Sie müssen aus einer Vielfalt von Handlungsstrategien, Wertemustern und Lebensentwürfen eigenverantwortlich auswählen, die ihnen vor allem über die Medien zugänglich sind. Prof. Franz Josef Röll aus Darmstadt, der sich schwerpunktmäßig mit Neuen Medien und Medienpädagogik beschäftigt, stellt dabei die Frage in den Raum, ob nicht eher von „alleingelassen“ statt „eigenverantwortlich“ die Rede sein muss.

Medienerfahrungen bieten heute also neue wichtige Erlebnis- und Erfahrungsformen zur Identitätsbildung. Sogar „Reibung“ mit anderen ist digital möglich – man schaue sich nur manche Diskussion in einem Forum an. Reale und fiktive Personen in den Medien und im Internet werden laut Röll zu wichtigen Begleitern bei der Identitätsfindung und zum vordergründigen sozialen Referenzsystem. Es entwickeln sich im neuen Orientierungsrahmen eher Teil-Identitäten anstatt einer einzigen konstanten Identität; diese entwickeln sich stetig weiter und setzen sich im Lebensverlauf auch schon einmal neu zusammen. Identitätsbildung wird dadurch zu einem lebenslangen und offenen Prozess.

Dies hat auch Auswirkungen darauf, wie die Menschen Beziehungen eingehen, pflegen und auffassen.

In sozialen Netzwerken begeben sich die Menschen – offline genauso wie online – in Beziehungsgeflechte mit anderen Menschen. In den digitalen Sozialen Netzwerken kann es dabei vorkommen, dass man das Gegenüber ausschließlich online kennt und noch nie persönlich getroffen oder seine Stimme gehört hat. Man hat sich zum Beispiel kennengelernt, weil beide sich in der gleichen Facebook-Gruppe befinden oder man im gleichen Forum schreibt und sich dabei sympathisch war. Die Netzwerke werden genutzt, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, die man eigentlich „offline“ sowieso alle paar Tage sieht; genauso aber auch um den Kontakt zu jemandem zu pflegen, der weggezogen oder ausgewandert ist. Eine holländische Studie von Patti M. Valkenburg und Jochen Peter zeigt auf, dass soziale Medien sich hervorragend eignen, um einen bereits bestehenden Bekanntenkreis zu pflegen. Manch einer nutzt Facebook auch zur Pflege beruflicher Kontakte, obwohl es speziell für diesen Zweck auch andere Netzwerke und Plattformen gibt.

Und Röll stellt fest: Schon für Zwölfjährige stellt das Internet heute ein Beziehungsmedium dar. Sie kommunizieren ihre gemachten Erfahrungen aus dem Alltagsleben und bauen über die Reaktionen darauf – egal ob Kommentar oder „Like“-Button – Beziehungsgeflechte auf.

Wer kennt sie nicht: Früher war es Myspace, dann kam StudiVZ und heute ist Facebook (noch) der „heilige Gral“ der Sozialen Netzwerke. Kaum jemand ist nicht auf Facebook. Allen diesen digitalen Sozialen Netzwerken ist gemein, dass die Benutzer ein Profil von sich erstellen und veröffentlichen; sie entscheiden also im, besten Falle gezielt, welche Informationen sie der Öffentlichkeit oder dem Bekanntenkreis preisgeben möchten. Hier spielt der Selbstdarstellungszweck eine große Rolle: Wie sollen mich meine Freunde erleben? Welchen Eindruck sollen „Freunde von Freunden“ oder gar Fremde von mir erlangen, wenn sie mein Profil lesen? Die meisten Menschen bevorzugen es, sich auf irgendeine Art und Weise vorteilhaft darzustellen. Dies kann leicht dazu führen, dass das Online-Profil nicht mehr viel Überschneidung mit der echten Person aufweist, und sei es dadurch, dass man im Profil die Dinge auslässt, die nicht zur konstruierten positiven oder „coolen“ Identität passen wollen.

Kritisch kann das sein, wenn die digitale Selbstdarstellung der eigenen Persönlichkeitsentwicklung vorausgreift: Wenn ich meine Identität noch gar nicht recht gefunden habe, mir aber im Internet bereits eine gesellschaftstaugliche, coole Identität konstruieren muss (Denn jeder ist doch heute auf Facebook – was sollen die von mir denken wenn ich nicht da bin?), was passiert dann? Es bringt mich vielleicht in die Not, meine „offline“-Identität der „online-Variante“ anzupassen, um vor meinen (persönlich bekannten) Freunden nicht als Lügner dazustehen. Und wenn mein „Fake“ rauskommt, werde ich vielleicht zum Ziel eines kleinen Shitstorms – und das ist nicht angenehm sondern kann in sozialer Ächtung durch meine Peergroup online wie offline enden.

Mit der Konstruktion der eigenen Online-Identität kann also auch eine Menge Druck verbunden sein. Martin Voigt, Sprachwissenschaftler aus München, fand in seiner Doktorarbeit heraus, dass insbesondere Mädchen Soziale Netzwerke als Inszenierungsplattform nutzen. Sie stellen sich als sozial erfolgreiche Akteurinnen dar, indem sie Bilder von sich und Freunden/Bekannten/Verwandten hochladen und sich öffentlich Nachrichten schreiben, in denen sie beteuern, wie wichtig ihnen ihre allerbeste Freundin ist.

Menschen – nicht nur Jugendliche – haben also, ressourcenorientiert resümiert, in Sozialen Netzwerken die Chance, zu lernen, wie sie auf andere wirken. Durch die Reaktionen der anderen modelliert sich dann nicht selten ihr Verhalten. Menschen können in Sozialen Netzwerken auch Rollen erproben und so lernen, welche Vielfalt in ihnen steckt. Dabei erscheint gerade im jüngeren Lebensalter Begleitung hinsichtlich der Mediennutzung sinnvoll.

 

Freundschaftsanfragen und der Umgang damit sind es ebenfalls wert, genauer betrachtet zu werden: Nimmt Lisa einfach alle Anfragen an, die ihr gesendet werden und darf sich im Glanze des Statussymbols „Lisa hat 4.836 Freunde“ sonnen? Oder ist das zu viel an Freunden, unglaubwürdig, ja skandalös dass es Lisa anscheinend egal ist, mit wem sie sich abgibt? Andererseits: Jemand der online nur 20 Freunde hat muss doch im echten Leben so ein richtiger Einzelgänger sein, oder? Immerhin hat er über die ganze Welt verteilt nur 20 Leute, mit denen er sich gut versteht! Diese Zahlen und Botschaften prägen also ebenfalls unser Denken und unsere Einschätzung von den Menschen, deren Profile wir uns ansehen. Dabei verlieren die meisten aus den Augen, wie sie im „echten Leben“ mit anderen Menschen umgehen würden: Viele Freundschaftsanfragen werden online angenommen, weil sich mittlerweile in den Köpfen festgesetzt hat, dass diese Freundschaften „anders“ sind als die im Offline-Leben.

Manch eine Freundschaftsanfrage wird aber auch angenommen, obwohl man mit diesem Menschen offline eigentlich nichts zu tun haben möchte. Weil es so unverfänglich erscheint, über Facebook befreundet zu sein, erscheint es auch eher unverhältnismäßig, mit jemandem nicht befreundet zu sein. Es kann auch ins andere Extrem umschlagen: Da wird eine „harmlose“, jederzeit wegklickbare Freundschaftsanfrage mit „Lass mich in Ruhe du Loser, was denkst du eigentlich?“ beantwortet – etwas, das man sich von Angesicht zu Angesicht nie gesagt hätte, das sich aber über die digitale Distanz leichter von den Fingern tippt.

Freundschaften zu bestimmten Personen oder einen bestimmten Anzahl von Personen sowie die Teilnahme an bestimmten Gruppen innerhalb der Sozialen Netzwerke können also wesentliche Merkmale der Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken ausmachen – und sich auf die persönliche Identität auswirken, indem sie Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl wahlweise anschieben oder niederdrücken.

Bei allem darf man nicht vergessen: Medien erfüllen eine bestimmte Funktion. Bereits seit den Zwanziger Jahren ist bekannt, dass Medien uns helfen, die soziale Wirklichkeit besser zu verstehen. Damals stellt Walter Benjamin fest, dass das Prinzip des Schnitts und der Montage in Filmen vergleichbar sei mit dem Leben in Städten: hektisch; scheinbar zusammenhangslose Erfahrungen und Erlebnisse müssen verknüpft werden. Wer, so Benjamin, Filme gesehen hat, sei besser in der Lage, damit zurechtzukommen – Medien befähigen uns hiernach also, die Herausforderungen der Welt zu bewältigen, indem sie unser Wahrnehmungssystem verändern. Diese These greift der Soziologe Richard Sennet (unter Bezug auf den Soziologen und Netzwerktheoretiker Mark Granovetter) auf: In unserer Welt fordert das System des Kapitalismus und der Globalisierung ein hohes Maß an Flexibilität. Wer dies „online“ eingeübt hat, kommt auch in der realen Welt besser zurecht, die von ständig neuen Herausforderungen geprägt ist.

Online also über alles?, ließe sich nun fragen – schließlich geht es überspitzt formuliert ums Überleben! Nein, sagt der Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Friedrich Krotz: Der Mensch benötigt weiterhin das echte Erlebnis, die unmittelbare körperliche und emotional verankerte Erfahrung um daran zu lernen und sich zu entwickeln. Vorher kann er die Abstraktion ins Digitale, „Nicht-Körperliche“ nicht leisten.

Um die Herausforderungen unsere Zeit zu meistern, gilt es also, zuerst die Herausforderung der Digitalisierung anzunehmen und zu bewältigen. Die Konstruktion unserer Ich-Identität spielt dabei eine große Rolle. Wir dürfen uns darauf einstellen, nicht nur lebenslang zu lernen, sondern auch unsere Identität lebenslang weiterzuentwickeln – und das eben auch immer wieder und vorrangig „analog“. Identitätsentwicklung bleibt ein auch pädagogischer Prozess, in dem es gilt, Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen Orientierung jenseits der digitalen Welt zu bieten und ihnen Angebote in der physischen Welt zu schaffen, an denen ihre Persönlichkeiten – „offline“ wie „online“ - wachsen können.                              

 

Schon in frühen Jahren kommen Kinder heute in Kontakt mit den digitalen Medien. Und viele Zwölfjährige betrachten das Internet heute bereits als Beziehungsmedium. Foto: fotolia.de

IFI Initiative für Intensivpädagogik gGmbH

Schmiedestraße 1

26632 Ihlow-Riepe

Tel:  0 49 28 - 91 47-0
Fax: 0 49 28 - 91 47-140

info@ifi-ggmbh.de

Die IFI Initiative für Intensivpädagogik gGmbH ist eine Tochtergesellschaft der IFI Stiftung

© IFI Initiative für Intensivpädagogik gGmbH