Empowerment & Partizipation

 Empowerment und Partizipation: Begriffsklärungen

In den Leistungsangeboten der IFI-gGmbH wird durchgängig der Bezug zum Empowerment hergestellt. Gemeint ist dabei die Gestaltung partizipatorischer Prozesse für alle Prozessbeteiligten und die Fokussierung selbstorganisatorischer Ressourcen des Einzelnen. Dabei bezeichnet Empowerment aber auch sehr viel umfassender Haltungen und Einstellungen zur Selbstermächtigung. Selbstermächtigung und Selbstbefähigung gelten sowohl in der Traumapädagogik wie auch in alltagspädagogischen Zusammenhängen der (nicht nur) stationären Hilfen zur Erziehung (HzE). Zum besseren Verständnis im Folgenden ein kurzer Überblick.

 

Empowerment - ein Begriff, der in sich schon stark und mächtig klingt und auch in seiner Bedeutung an Kraft nicht verliert. Empowerment  ist in der Übersetzung ins Deutsche die Selbstermächtigung. Aber: zu was? Letztlich zur Bewältigung aller Herausforderungen, die das  Leben dem Einzelnen stellt.

 

Der Begriff Empowerment steht für ein Handlungskonzept, das ihren Ursprung in der US- amerikanischen Bürgerrechts- und Gemeinwesenbewegung hat. Seit den 1990iger Jahren hat sich dieses Handlungskonzept auch auf allen psychosozialen Ebenen in der Bundesrepublik etabliert und ist zu einem festen Bestandteil in den Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesen und immer häufiger auch im politischen Kontext geworden.

Im folgenden Text steht das Empowerment im Kontext des sozialarbeiterischen und pädagogischen Handelns und im speziellen im Kontext der Hilfen zur Erziehung im Vordergrund.

 

Die Wurzeln der deutschen Empowerment-Entwicklung findet sich in der Selbsthilfebewegung, in der es um Selbst- und Gruppenwirksamkeit geht. Gemeinsame Problemlagen wirken verbindend und stecken voller Potenzial, dem Individuum zu helfen. Die grundsätzliche Ausrichtung basiert vordergründig auf der Qualität gemachter Erfahrungen und nicht auf der Qualität von Ausbildung und erlernter Professionalität. Die wird punktuell hinzugezogen und  die soziale Netzwerke werden als unterstützende Systeme genutzt. In der Verknüpfung entstehen synergetische Effekte, die erneut selbstorganisatorische Erfahrungen ermöglichen, die somit im dialogischen Prozess Fähigkeiten verdeutlichen und neu hervorbringen und den Gesamtprozess von Empowerment stärken indem eben diese Erfahrungen Selbstvertrauen und Vertrauen in den Prozess hervorbringen.

 

Empowerment im professionellen Kontext weniger eine Methode, sondern eher Ausdruck einer Haltung, die geprägt ist von Anerkennung, Akzeptanz und dem Vertrauen der Selbstwirksamkeit jedes einzelnen; unabhängig von der Herkunft, dem Alter und dem Bildungsstand des Klienten.

 

Das hört sich zunächst einfach an - ist es aber nicht. Und das lässt sich unter anderem durch das weitverbreitete (und auch durch die Ausbildung unterstützte) Selbstverständnis von Helfern begründen. An dieser Stelle muss der aktuelle Hilfebegriff in Frage gestellt und diskutiert werden, worauf hier allerdings nur am Rande eingegangen werden kann (weiteres hierzu vgl u.a. Gängler, H. 2001).  

 

Wer Hilfe anbietet, tut das, weil er etwas kann - besser, als derjenige, der um Hilfe nachsucht. Wer hilft, möchte, dass seine Hilfe anerkannt wird, und er möchte das, was er tut, auch gerne erklären, vielleicht auch um zu unterstreichen, dass das Wissen fundiert ist.

Das Verhältnis von Hilfesuchendem und Helfer ist eindeutig hierarchisch und defizitorientiert.

Ein Selbstverständnis (oder Missverständnis), das sich nach wie vor noch hält in der sozialpädagogischen Landschaft, auch wenn es immer häufiger von einer positiven Haltung und dem ressourcenorientierten Ansatz in Frage gestellt wird und zunehmend dem Grundsatz "Hilfe zur Selbsthilfe" weicht.

 

Beim Empowerment geht es genau darum: Die Fixierung auf Defizite wird ersetzt durch Lösungs- und Ressourcenorientierung. Auch in schwierigen Lebenssituationen und Lebenszusammenhängen wird der Blick auf verändernde Bewältigungs-  und Gestaltungsmöglichkeiten gerichtet. Aus Lähmung und Blockade wird dann Mut und Lebensbejahung.

 

Welche Rolle hat dabei der professionelle Helfer?  Er begleitet diese Prozesse - aber nicht in Form von entmündigender Handlung und der Förderung der Hilflosigkeit, sondern in Form von einbeziehendem und transparentem Handeln.

 

Was verändert sich damit? Für den Sozialarbeiter (oder eine vergleichbare Fachkraft in den HzE) ändert sich, dass er nicht der Hauptdarsteller der Intervention ist, sondern ein Nebendarsteller, der aus dem Hintergrund auch die Rolle des Regisseurs einnimmt - allerdings die eines defensiven Regisseurs, der nicht davon ausgehen kann, dass der Hauptdarsteller das tut, was er sagt bzw. auch ein ganz anderes Ergebnis als mit der Intervention intendiert, erzielt werden kann.

 

Der Sozialarbeiter interveniert indirekt und steuert Prozesse dadurch, dass er Möglichkeiten aufzeigt und Instrumente zur Umsetzung zur Verfügung stellt.

 

Für den Hilfesuchenden ändert sich, dass er die Position des Hilflosen aufgibt, er somit Handlungsfähigkeit erhält oder sich zurückerobert. Er ist der Hauptdarsteller auf der Bühne des eigenen Lebens; er ist Akteur seines Lebens und ist somit in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Das beinhaltet aber auch, dass er die Verantwortung seines Handelns trägt und die daraus resultierenden Konsequenzen aushalten muss.

 

Für die Sozialarbeit ändert sich, dass die Einzelfallhilfe zu einem Interaktionsbündnis wird, in dem das Bilden von Netzwerken eine zunehmende Wichtigkeit einnimmt. Problemlagen verbinden und setzen Kräfte frei, die immer noch viel zu selten als die große Ressource wahrgenommen werden.

 

Was sich nicht ändert, ist der Bedarf an professionellen Helfern, auch wenn dieser Eindruck entstehen könnte. Es verändert sich die Position, die Haltung  und der Schwerpunkt insofern, dass die professionelle Energie nicht darauf verwendet wird, den Hilfesuchenden in seiner Hilflosigkeit zu sätkren, sondern ihn in seiner Handlungsfähigkeit.

 

Das Empowerment-Konzept ist in der Einzelfallhilfe wie auch in der sozialen Gruppenarbeit oder auch der Gemeinwesenarbeit umsetzbar.

 

 

Motive und Voraussetzungen für Empowerment-Prozesse im pädagogischen Alltag der Hilfen zur Erziehung

 

Motive

Der Gesetzgeber schreibt vor, dass die Betroffenen - also die Hilfeempfänger - an den Prozessen der Hilfeplanung, -gestaltung und –umsetzung beteiligt werden (i.S. d. § 36 SGB XIII). Die Voraussetzung für das Mitwirken und somit die Möglichkeit, diese gesetzliche Vorgabe zu erfüllen, ist die Befähigung der Klienten zur Selbstfürsorge.

 

Die Erfahrung zeigt, dass Hilfsangebote an Wirksamkeit gewinnen, wenn die Betroffenen in die Prozessgestaltung und Verlaufsdiagnostik einbezogen werden. Die Bereitschaft, die eigene Lebenssituation zu betrachten und ggf. Veränderungen als Chance zu begreifen, steigt – bedarf aber auch wiederum der Vorarbeit der Befähigung. Empowerment eben.

 

Voraussetzungen

Die Helfer, in diesem Fall die betreuenden Fachkräfte, sind zunächst dafür da, verantwortlich eine absolute Transparenz über die Möglichkeiten der Hilfe herzustellen. Das beinhaltet zum einen die Darstellung der möglichen Schritte und zum anderen auch das Aufzeigen der Grenzen.

Um einen Menschen dazu zu befähigen, sein Leben in die Hand zu nehmen, muss die Transparenz über biografischen Daten hergestellt werden. Eine Aufgabe, die nur in einem dialogischen Prozess möglich ist, der sich dadurch auszeichnet, dass der interne Blick des Klienten auf den externen Blick des Helfers trifft und sich beide ergänzen.

Im Anschluss daran und aufbauend darauf ist eine Ressourcen-Diagnostik zu erstellen, die die Anknüpfungspunkte für die Hilfeplanung und der damit verbundenen Zielformulierung bildet.

Ebenso ist eine Bedürfnisanalyse in enger Anknüpfung zum Lebensumfeld des Klienten sinnvoll.

 

Partizipation

Partizipation ist ein Mittel in den Hilfen zur Erziehung, um Kinder und Jugendlichen zu befähigen, in Anteilen für sich zu sorgen. Partizipation ist in aller Munde. Was aber tatsächlich dahinter steckt und wie viel Engagement das verlangt, ist in der Regel erst mitten im Prozess sicht- und spürbar und nicht selten das Ende des Prozesses.  Partizipation ohne entsprechende Angebotsanpassung kann es nicht geben. Und  ohne entsprechende Überzeugung der teilnehmenden Personen auch nicht.

 

Was braucht Partizipation?

Partizipation in den HzE braucht das pädagogische Grundverständnis, dass Kinder, Jugendliche und Familien an den sie betreffenden Prozessen beteiligt werden und an der Gestaltung der Prozesse mitwirken können. Sie werden nach ihren Wünschen, Zielen, Möglichkeiten und Grenzen gefragt. Mit ihnen werden Aktionsfelder genauso wie Sperrgebiete.

 

Gleich zu Beginn der erste Stolperstein: die Befürchtung der Pädagogen der Unkontrollierbarkeit und auch der Entmächtigung ihrer Position. Aber:  Es geht nicht darum, den Kinder, Jugendlichen und Familien alle Entscheidungsmacht zu übertragen und somit auch die gesamte Verantwortung zu erteilen. Die Professionalität liegt hier darin, Alternativen anzubieten, zwischen denen Entscheidungen getroffen werden können, unabhängig von der Altersgruppe, mit der die Fachkräfte arbeiten. Natürlich gibt es da Unterschiedlichkeiten in der Umsetzbarkeit von Partizipation. Ein dreijähriges Kind kann nicht an denselben Fragestellungen und damit verbundenen Entscheidungen partizipieren wie ein 16- oder 27-Jähriger.

 

In der Art der Fragestellungen, dem Maß der Mitbestimmung und der Vielfalt der Angebote, zwischen denen gewählt werden kann, liegen die Unterschiede, sind aber nicht die Begründung dafür, einen Menschen nicht mit einzubeziehen. Somit liegt die Gestaltung des Rahmens in der Hand des Pädagogen; hier zeigt sich auch seine Professionalität. Denn er ist derjenige, der die Mitbestimmung  dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes, des Jugendliche und des Erwachsenen anpassen muss.

 

Es bedarf also einer Methoden- und Kenntnisvielfalt, um Partizipation im pädagogischen Alltag umzusetzen.  Als Beispiele seien hier Kenntnisse über Entwicklungspsychologie, über verschiedene Gesprächstechniken und über Traumata und deren Folgen genannt. Auch der Bereich der systemischen Zusammenhänge gehört ganz entscheidend dazu. Dies als Grundlage, gepaart mit einem großen Koffer voller Interventionsideen und der Haltung gegenüber anderen, sie als kompetenten und selbstwirksamen Menschen zu sehen,  ist die Voraussetzung für Partizipation.

 

Es lohnt sich, sich weiter über Empowerment zu informieren. Im deutschsprachigem Raum ist  Norbert Herriger (Herriger 2006) mit seinen Beiträgen zum Thema bekannt geworden.

Dr. Rolf Kötterheinrich / Susanne Ketelhut

 

 

 

 

Quellenverzeichnis

 

Gängler, H. (2001). Prävention und Intervention. In: Otto, H.-U./ Thiersch, H. (Hrsg.). Handbuch der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik. 2. überarbeitete Auflage. Neuwied, 772 f.

 

Herriger, N. (2006). Empowerment in der sozialen Arbeit. Stuttgart. 

 

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